Blick
Dieses Bild gehört in eine Reihe mit Genre-Portraits aus einer Serie mit dem Titel „Menschenbilder“. In dieser Serie hat Martin Eller verschiedene Portraitfotografien und -zeichnungen zu allgemeingültigen, typischen Portraits zusammengeführt, die zwar „echte“ Personen zu zeigen scheinen, aber als sinnbildliche Metaphern für den modernen Menschen zu sehen sind. Durch zeicherische Vorarbeiten wurden die Portrais verfremdet und der jeweiligen Bildaussage angepasst. Im vorliegenden Bild blickt uns eine junge Frau wie aus einem Reklamefoto für Kosmetika an, eine Szene die den vorherrschenden modernen Lifestyle illustriert. Die changierende Augenstellung und die Größe des Bildes verhindern, daß Betrachter den Blick ganz erfassen können; eine künstlerische Vorgehensweise, die schon seit der frühen Neuzeit in der Malerei bekannt ist, um Bewegung und damit Lebendigkeit darszustellen. Hier ist der Blick aber unsicher, fragend oder sogar beunruhigend, als ob die junge Dame angesichts ihrer Aufmachung unsicher sei oder bei einer Peinlichkeit überrascht worden wäre. Das Bild ist keine Aktdarstellung (der Bildausschnitt unterdrückt das etwas weiter geschnittene sommerliche Oberteil des Modells), die der Künstler für die Darstellung von Alltagsszenen als unangemessen ablehnt; es geht ja in einer Genredarstellung um das alltägliche Leben, in dem auch in der Moderne Kleidung getragen wird. Die Grenze zum Voyeurismus darf angetastet, aber keinesfalls überschritten werden, um „aus Menschen keine Objekte zu machen“.
Im Bild sind die hervorragende koloristischen Eigenschaften der Tempera-Malerei wirksam eingesetzt, eine einheitliche, modern-überbelichtete fotografische Szenerie, wie sie in der Werbung für hochwertige Produkte verwendet wird. Neben dem Motiv, vor allem die Augen sind zu nennen, und der feinen Farbe, machen auch die vielen sichtbaren wie denkbaren Bezüge den Reiz dieses Werkes aus.
BLICK von Martin Eller, WVZ 1895, Tempera und Öl auf Leinwand 90 x 110 cm